Krisen- und Konfliktbegleitung

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Wie Psychotherapien wirken - und welche Nebenwirkungen drohen 20.02.2013

 

Chancen und Risiken

Mittwoch, 20.02.2013, 13:41 · von FOCUS-Online-Redakteurin Anna Vonhoff

Ein Gespräch mit dem Spezialisten hilft in vielen Fällen

Depression, Bulimie, Süchte – je nach Erkrankung sind unterschiedliche Therapien sinnvoll. In den meisten Fällen helfen sie schon in kurzer Zeit. Doch wie jede Behandlung birgt auch die Psychotherapie das Risiko von Nebenwirkungen.

Es gibt drei große Gruppen von Störungen, die auch gleichzeitig die häufigsten Gründe sind, zum Psychotherapeuten zu gehen: erstens Ängste, zweitens Depressionen und drittens Süchte. Um solche Störungen zu behandeln, haben sich Psychotherapien als wirkungsvoll und erfolgsversprechend erwiesen. Essstörungen, sexuelle Funktionsstörungen, Schizophrenie und Bipolare Störungen seien teilweise schwieriger zu behandeln, sagt Jürgen Margraf, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie e. V. (DGPs). „Für Patienten mit einer Schizophrenie oder Bipolaren Störung können Medikamente in Kombination mit einer Psychotherapie daher sinnvoll sein.“

Was in der Therapiestunde passiert

Sucht jemand einen Psychotherapeuten auf, wird sich dieser in einem Erstgespräch die Problematik schildern lassen. Innerhalb maximal fünf Probesitzungen können Patient und Therapeut dann herausfinden, ob „die Chemie stimmt“ zwischen ihnen. Während dieser Vorgespräche wird der Therapeut eine Diagnose stellen und darlegen, ob die Notwendigkeit einer Behandlung besteht. Im Anschluss reicht er bei den Kassen einen Antrag ein. Die Bewilligung der Psychotherapie beinhaltet dann auch die Anzahl an Stunden. Erst dann beginnt die Therapie wirklich. Der Umfang der Behandlung ist abhängig von der psychischen Erkrankung und dem Schweregrad der Störung. In der Verhaltenstherapie genügt meistens eine Kurztherapie von insgesamt 25 Stunden.

„Die Krankenkassen übernehmen zwei Therapieformen, die Verhaltenstherapie und die Psychodynamischen Therapien, dazu gehört auch die Psychoanalyse“, sagt Margraf. „Diese Therapieformen sind wissenschaftlich seit Langem anerkannt.“ Die Regelungen der privaten Kassen sind verschieden, so dass Privatversicherte direkt nachfragen sollten. Die gesetzlichen Kassen zahlen nur dann 100 Prozent der Kosten, wenn der Therapeut über eine Approbation verfügt und eine psychische Störung mit Krankheitswert diagnostiziert. Diese Störungen sind beispielsweise Phobien, Panikattacken, Depressionen oder Zwänge. Die Diagnose stellt der Therapeut in den Probesitzungen.

Erfolgsquote liegt bei 80 Prozent

Gerade für Ängste und Depressionen – und damit für die häufigsten Störungen – sei die Verhaltenstherapie die Methode der Wahl, sagt Margraf. Bei Anorexie und chronischen Schmerzen dagegen erziele die Verhaltenstherapie generell seltener Erfolg. Die Verhaltenstherapie konzentriert sich auf die aktuellen Probleme, aber auch auf die aktuellen Stärken und versucht eine Änderung des Verhaltens zu bewirken. Dabei geht es darum, wie Patienten Informationen einordnen und bewerten. Ziel ist es, mit Hilfe des Therapeuten Situationen neu zu interpretieren und ein gesünderes Verhalten einzuüben. Die Devise dabei: Alles was man gelernt hat, kann man auch wieder verlernen. Verhaltenstherapeuten wollen nicht in die Vergangenheit, in die Kindheit schauen – sondern in die Zukunft. „Die Erfolgsquoten sind gut. 80 Prozent der Patienten erfahren eine wesentliche Linderung ihrer Symptome“, sagt Margraf.

Die Psychodynamischen Ansätze gehen zurück auf Freud und seine Schüler. Sie gehen davon aus, dass dem aktuellen Problem verdrängte Gefühle und Erinnerungen zugrunde liegen. Anhand von Traumdeutungen oder freien Assoziationen soll der Patient Zugang zu diesen Emotionen bekommen. „Das Symptom wird dabei zurückgeführt auf einen Konflikt aus der Vergangenheit.“

Andere Ansätze wie etwa die Systemische Therapie, Körper- und Kunsttherapien übernehmen die Krankenkassen zwar (noch) nicht, sie erzielen jedoch in vielen Fällen Erfolge. Vor allem als Ergänzung in ganzheitlichen Therapiekonzepten.

Chancen und Gefahren in der Therapie

Ob eine Therapie erfolgsversprechend ist oder nicht, hängt auch vom „Bauchgefühl“ der Patienten während der Probesitzungen ab. Schließlich ist es wichtig, dass die Betroffenen so viel Vertrauen in den Therapeuten haben, ihm ihr Innerstes zu offenbaren.

Unterschätzte Nebenwirkungen und Effekte in der Psychotherapie

Im Einzelfall kann sich der Zustand der Patienten zu Beginn der Therapie verschlechtern, weil beispielsweise verdrängte Erlebnisse und Gefühle an die Oberfläche gelangen und mache Menschen dann ins Grübeln kommen. Weitere unerwünschte Effekte sind finanzielle Ausbeutung des Patienten, indem beispielsweise die Therapie künstlich in die Länge gezogen werde. Generell besteht im Patienten-Therapeuten-Verhältnis immer die Gefahr, dass eine Abhängigkeit entsteht und diese vom Therapeuten ausgenutzt wird. „Es gibt auch Fälle von Grenzüberschreitungen bis hin zu sexuellen Übergriffen“, sagt Margraf. Gerade in körperorientierten Settings sei das Risiko für solche Übergriffe höher. Vor allem charismatische und renommierte Persönlichkeiten seien anfällig dafür, ihre Macht und ihren Status zu missbrauchen.

Weitere negative Auswirkungen von Psychotherapien sind weniger leicht zu messen. „Wenn Therapeuten falsche Hoffnungen machen, Ziele nicht vereinbaren oder sich zu sehr einmischen in das Leben des Patienten, ist das nur schwer zu erfassen“, sagt der Psychologe. Als „Klassiker“ bezeichnet er dabei, dass viele Therapeuten die Paarbeziehung als Teil des Problems identifizieren, obwohl sie nur eine Seite gehört haben. Daraus folgt häufig eine Krise in der Partnerschaft, die nicht nötig gewesen wäre. „Manche Therapeuten nötigen den Patienten auch ihre eigenen Normen und Werte auf.“

Psychische Probleme von Kindern unterschätzt

Trotz manchmal haarstäubender Nebenwirkungen betont Margraf: „Im Wesentlichen und in den allermeisten Fällen tut die Psychotherapie Gutes.“ Einziger Wermutstropfen: Bis diese Hilfe bei allen betroffenen Menschen ankommt, ist es ein weiter Weg.

Vor allem Kinder würden mit ihren psychischen Problemen heute noch zu oft vernachlässigt. Dabei lohnte es sich, früh zu intervenieren, um gravierende Störungen gar nicht erst entstehen zu lassen. Das Problem: Während aggressive und hyperaktive Kinder ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken, fallen depressive oder ängstliche Jungen und Mädchen häufig durchs Raster. „In einer Gesellschaft mit immer weniger Kindern, fehlen die Geschwister und Spielkameraden. Das wird in Zukunft ein großes Thema für die psychische Gesundheit von Kindern.“